Sohrau (Oberschlesien)

undefinedPolski: Mapka lokalizacyjna Żor English: Locator map of Żory Čeština: Lokalizační mapa Žor  Die oberschlesische Stadt Sohrau (Krs. Rybnik) ist das heutige polnische Zory mit derzeit etwa 63.000 Einwohnern - etwa 30 Kilometer südwestlich von Kattowitz/Katowice bzw. südlich von Gleiwitz/Gliwice gelegen (Ausschnitt aus hist. Karte von 1905, aus: wikipedia.org, gemeinfrei und Kartenskizze 'Polen' mit Zory rot markiert, P. 2006, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

 

Seit Anfang des 16.Jahrhunderts ist die Existenz von Juden in Sohrau urkundlich belegt; doch bereits in den 1560er Jahren erfolgte – wie fast überall in Schlesien – ihre Vertreibung. Erst im beginnenden 18.Jahrhundert erfolgte erneut jüdische Zuwanderung und Ansässigkeit in Sohrau. Um 1730 gründete sich eine Gemeinde; zwei Jahrzehnte später wurde eine jüdische Schule eröffnet.

Ende des 18.Jahrhunderts erreichte die Zahl der hiesigen Juden bereits eine beträchtliche Größe; einschließlich der Vorstädte lebten hier zu dieser Zeit etwa 140 Juden; ihren zahlenmäßigen Höchststand erlangte die Gemeinde in den 1840er Jahren mit immerhin mehr als 500 Angehörigen.

In den 1850er Jahren wurde in Sohrau ein „Synagogenverein“ gegründet, aus dem sich später die Jüdische Gemeinde Sohrau bildete. Die älteste Synagoge war ein einfacher Holzbau, der 1807 bei einem Stadtbrand zerstört wurde; knapp 30 Jahre später wurde ein massives Synagogengebäude errichtet; dieses wurde in den 1860er Jahren wesentlich vergrößert, indem auch eine Empore erstellt wurde. In den Jahren von 1846 bis 1873 übte David Deutsch (geb. 1810) das Amt des Rabbiners aus; wegen seiner zahlreichen Veröffentlichungen religiöser Schriften machte er sich einen Namen.

Für mehrere Jahrzehnte existierte am Orte auch eine jüdische Elementarschule.

Eine eigene Begräbnisstätte besaß die Judenschaft des Ortes seit 1814 etwa zwei Kilometer außerhalb des Ortskerns; bis zu diesem Zeitpunkt waren die Verstorbenen auf einem Friedhof im nahegelegenen Nikolai beigesetzt worden. Etwa zwei Jahrzehnte nach der Anlage des Friedhofs in Sohrau wurde hier ein Taharahaus gebaut. Die letzte Beerdigung fand hier im Jahre 1936 statt.

Teilansicht jüdischer Friedhof (Aufn. Jews.3bird.net, um 2012)

alte Grabsteine (Aufn. Jews.3bird.net)

Juden in Sohrau:

    --- 1784 .......................... 121 Juden,*   * gesamte Gemeinde

    --- 1797 .......................... 152   “  ,

    --- 1810 .......................... 116   “  ,

    --- 1817 .......................... 202   “   (ca. 11% d. Bevölk.),

    --- 1824 .......................... 164   “  ,

         .......................... 309   “  ,*

    --- 1846 .......................... 542   “  ,

    --- 1855 ...................... ca. 470   “   (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1866 ...................... ca. 450   “  ,

    --- 1880 ...................... ca. 380   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1907 ...................... ca. 100   “  ,

    --- 1924 ..........................   4 jüdische Familien,

--- 1939 ..........................  10 Juden.

Angaben aus: P.Maser/A.Weiser, Juden in Oberschlesien, S. 141/142

http://www.vogel-soya.de/bilder/Rybnik/Sohrau_Ring.jpg Ring in Sohrau (hist. Aufn., um 1910 ?)

 

Ihren Lebensunterhalt bestritten die Juden Sohraus in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts vor allem im Dienstleistungsgewerbe und Handwerk. Ihre wirtschaftliche Bedeutung spiegelte sich in ihrem Einfluss auf kommunaler Ebene wider; so sollen Ende des 19.Jahrhunderts etwa ein Drittel der Sohrauer Stadtverordneten Juden gewesen sein. Ab Ende des 19.Jahrhunderts ging der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Sohrau aber dramatisch zurück; Berlin, Breslau und andere Großstädte waren Ziele der Abwanderer. 1900 schrieb der letzte Rabbiner Immanuel Deutsch: „ .... Die Verödung und Verarmung der Gemeinde, welche fast in geometrischer Progression durch den Tod oder Wegzug nach großen Städten die leistungsfähigsten Mitglieder successive verlor, ohne auch nur annähernd Ersatz zu finden, legte dem letzten Rabbiner den Gedanken nahe, sein Amt unter diesen traurigen Verhältnissen aufzugeben. Am 1.April 1898 schied er schweren Herzens aus der ihm überaus theuren Gemeinde.

Um 1920 gab es keine israelitische Gemeinde in der Stadt mehr. 1925 lebten im etwa 5.000 Einwohner zählenden Sohrau nur noch vier jüdische Familien. Im Mai 1940 wurden die wenigen verbliebenen jüdischen Bewohner zunächst ins Ghetto von Bedzin verbracht; von hier erfolgte dann ihre Deportation nach Auschwitz-Birkenau.

                  Ausgebrannte Synagogenruine Sohrau (Aufn. 1945)

Anm.: Als im Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz vor der anrückenden Roten Armee geräumt wurde, mussten die Häftlinge die sog. Todesmärsche antreten. Etwa 30.000 von ihnen kamen auf ihrem Weg nach Westen durch Sohrau.

 

Das teilzerstörte und nach 1945 wieder instand gesetzte ehemalige Synagogengebäude wurde danach Zeit als Kino benutzt.

Von dem 1814 angelegten, mit einer Mauer umgebenen jüdischen Friedhof - in einem lichten Waldgelände gelegen – findet man heute noch eine Reihe von Grabsteinen. Seit den 1990er Jahren ist man bemüht, den baulichen Zustand des Friedhofs und der dort noch befindlichen Grabmäler zu bewahren.

Zory, kirkut.jpg Grabsteinrelikte (Aufn. M., 2007, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

 Als Sohn eines jüdischen Mühlenbesitzers wurde Otto Stern im Jahre 1888 in Sohrau geboren. Er arbeitete am Institut für physikalische Chemie der Universität Berlin und wirkte als Professor in Frankfurt/Main, Rostock und Hamburg. Seit 1933 lebte er in den USA (seit 1939 mit US-Staatsbürgerschaft) und war hier auf dem Gebiet der Atomphysik tätig. 1943 erhielt Stern als Anerkennung seiner Forschungen den Nobelpreis für Physik. Otto Stern verstarb 1969 in Berkeley.

 

 

 

Weitere Informationen:

Immanuel Deutsch, Chronik der Synagogen-Gemeinde Sohrau O.-S., in: "Jüdische Literaturblätter", No. 24/1900

E. Nerlich (Bearb.), Aus der Geschichte der Stadt Sohrau OS. Eine Darstellung nach der Stadtgeschichte von A.Weltzel, weitergeführt nach Berichten ehem. Stadtbewohner bis 1945, in: "Veröffentlichung der Ostdeutschen Forschungsstelle im Lande Nordrhein-Westfalen B/2", Dortmund 1972

PeterMaser/Adelheid Weiser, Juden in Oberschlesien, Teil I: Historischer Überblick, in: "Schriften der Stiftung Haus Oberschlesien, Landeskundliche Reihe 3.1", Gebr. Mann Verlag, Berlin 1992, S. 140 – 147

Zofia Kowalska, Die jüdische Bevölkerung in den oberschlesischen Städten des Mittelalters, in: Thomas Wünsch (Hrg.), Stadtgeschichte Oberschlesiens. Studien zur städtischen Entwicklung und Kultur einer ostmitteleuropäischen Region vom Mittelalter bis zum Vorabend der Industrialisierung, Berlin 1995, S. 75 - 92

Zofia Kowalska, Die Anfänge der jüdischen Ansiedlung in Oberschlesien im 12. und 13.Jahrhundert, in: "Oberschlesisches Jahrbuch", 14/15 (1998/1999), S. 13 - 29

Jews in Zory, Internetpräsentation jews.3bird.net, 2014

Katarzyna Sleziona (Red.), Żydzi w Żorach: Nasze miasto było kiedyś domem Żydów [ZDJĘCIA], online abrufbar unter: zory.naszemiasto.pl/zydzi-w-zorach-nasze-miasto-bylo-kiedys-domem-zydow-zdjecia/ar/c13-2453219

Zory, in: sztetl.org.pl

K. Bielawski (Red.), Zory, in: kirkuty.xip.pl

Beata Pomykalska/Pawel Pomykalski, Auf den Spuren der Juden Oberschlesiens, Hrg. Haus der Erinnerung an die Juden Oberschlesiens – Zweigstelle des Museums in Gleiwitz, Gliwice 2019